Es liegt Aufbruchsstimmung in der Luft

Teil 3 der Serie: Home-Office allein ist nicht die Antwort – wir sollten verstärkt das Potenzial von alternativen Arbeitsstandorten aktivieren.

„Turbulent, so würde ich die vergangenen Wochen für uns zusammenfassen. Und ich glaube, so ist es vielen ergangen. Erstmal mussten sich die Dinge neu ordnen und einige kurzfristige Fragezeichen und Herausforderungen lichten. Wir haben diese Zeit sehr gut für uns genutzt und sämtliche Beratungs- und Planungsleistungen digitalisiert und in unsere Prozesse integriert. 

Aktuell schwebt jetzt bei vielen unserer Kunden die grundsätzliche Frage nach der mittel- und langfristigen Ausrichtung der Arbeits- und Büroorganisation sowie die passende Flächenstrategie über den Dingen. Es liegt Aufbruchsstimmung in der Luft. Die vergangenen Wochen haben eines deutlich gezeigt: Arbeiten funktioniert hervorragend jenseits traditioneller Layouts. Und genau das bietet enorme unternehmerische, aber auch strukturelle Spielräume. 

Halte nichts von Pauschalaussagen

Wir haben für uns aktuelle Tendenzen in mehrere Szenarien geclustert, um unseren Blick in die Zukunft zu schärfen. Diese Szenarien reichen von 

  • „weiter wie bisher mit erhöhtem Home-Office-Anteil“ über 
  • „stark gestiegene Home-Office-Anteile führen zur Abmietung von Büroflächen“ bis zu
  • „New Work macht die Infrastruktur und Menschen resilienter“. 

Im letztgenannten Szenario sehen wir als das wertvollste, aber auch weitreichendste Szenario für die Zukunft. Von Pauschalaussagen, wie „20% der Büroflächen werden nicht mehr benötigt“ halte ich wenig, auch wenn diese Annahme durchaus zutreffen mag und Szenario 3 die gleiche Dimension erreicht. Meine Devise lautet dagegen, entwickeln Sie Ihr eigenes Szenario! Strukturelle Vorgaben, wie beispielsweise das schon vor Corona diskutierte Recht auf Home-Office und jetzt geltende Hygienevorschriften, werden den Entscheidungsprozess dabei sicherlich beeinflussen. Sicher ist aber auch, dass wir derzeit auf Sichtflug sind und die Zukunft vielfältig sein wird.

spaces4future – eine Initiative von if5 anders arbeiten und Partnern

Grundsätzlich sollten wir uns auf zwei Ebenen bewegen: der Arbeitsplatzgestaltung im Unternehmen und übergeordnet den Arbeitsort, um diesen gesondert auf den Prüfstand zu stellen. 

Warum nicht auch gegenseitiges Coworking?

Außerhalb der eigenen Organisation sollten wir das Potential von alternativen Arbeitsorten weiter aktivieren, um nicht nur über Home-Office-Lösungen nachzudenken. Was passiert, wenn sich befreundete Unternehmen Flächen zum gegenseitigen Coworking vorhalten? Oder das Bürgerhaus von einst auch als Workcommunity-Hub genutzt wird? Wir können Menschengruppen aber auch ganze Ballungsgebiete entzerren, Verkehrsprobleme lösen und demographische Herausforderungen zugunsten von Work-Life und Ökologie meistern.

Villeroy und Boch, Fabrik No9 in Mettlach, Foto: Chris Schuff

Im Oktober 2019 (also weit vor Corona) haben wir spaces4future.de ins Leben gerufen. Spaces4future treibt genau solche Ideen voran. Ich gehe dabei soweit, dass wir einen notwendigen Strukturwandel herbeiführen können. 

Autoplausible Flächen werden wichtiger

Innerhalb der Organisation halte ich autoplausible und zugleich extrem flexible Flächen für maßgeblich. Das ist keine neue Tendenz, sie wird aber durch die aktuelle Situation stark befeuert. Ich will ein paar einfache Beispiele geben: ein Wand- oder Bodenbelag ist nicht mehr nur ein Gestaltungselement, sondern kann zudem klare Orientierung schaffen: Wo finde ich welche Flächenzone? Oder wie weit läuft der Social-Distancing-Radius um meinen Arbeitsplatz? Kurzum, ich betrete einen Raum und finde mich direkt zurecht. 

Aktuell sind transparente Hygieneschutzwände stark gefragt, wie wir sie von Supermarktkassen kennen. Aber was passiert, wenn wir diese in „gesunden Zeiten“ nicht mehr benötigen? Flexible Lösungen, die einen Schritt weiterdenken und beispielsweise leicht als Whiteboard umfunktioniert werden können, halte ich für zeitgemäßer. Das Label Mobeti beispielsweise folgt genau dieser Idee. 

mobeti, agile Projektmöbel

Digitalisierungsgrad wird steigen

Wir sollten uns grundlegend die Frage nach dem richtigen Layout stellen: offen vs. geschlossen, Flächenvorgaben je Arbeitsplatz und passen beispielsweise non-territoriale Konzepte zu mir? „Open Space als Wunderwaffe“ ist in diesem Zusammenhang ein weiterer Pauschalansatz, den ich nicht teile.

Die Anforderungen dafür sind zu diffizil: Virtuelle Kollaboration steigt durch mehr Kollegen im Home-Office. Hierfür benötigen wir räumliche und technische Lösungen, um die Qualität und Akustik vor allem in offenen Strukturen zu behalten. Wir erleben zudem aktuell, wie sich der Digitalisierungsgrad massiv erhöht. Weniger Stauraumflächen sind die Folge. 

Kleinere Tischgrößen für vermehrt temporäres Arbeiten bis hin zu größeren Tischgrößen aufgrund des Einsatz überdimensionaler Bildschirme sowie des Einsatzes von Trennelementen zur Separierung könnten eine Folge sein. Gestik und Spracheingabe wird möglicherweise mittelfristig zunehmen, um so Virenübertragung durch Tastaturen, Maus und Türklinken zu reduzieren. Auch das wird Auswirkungen auf Bürokonzepte haben. 

Aus der immobilienwirtschaftlichen Perspektive wird sich die Assetklasse „Office“ verändern. Neu- und Umbauten und Berücksichtigung der vorangegangenen Annahmen führen dazu, dass Büros- und Büroquartiere vielfältiger werden und monofunktionale Bürokomplexe aussterben.

Sicher ist: Die Zukunft der Arbeit war noch nie spannender und herausfordernder. Darauf freue ich mich und gehe zugleich respektvoll, mit der hiermit einhergehenden Verantwortung um. In diesem Sinne: Frohes Schaffen!“

Sven Iserloth & Bernd Fels, Geschäftsführung if5

if5 Design, Hannover, Mai 2020

Redaktion: Jonas Demel

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