Warum uns Wandbilder am Arbeitsplatz gut tun

Von Lascaux bis San Diego: Unternehmen wie Dialogbild aus Hamburg oder Coastal Creative aus Kalifornien bieten maßgeschneiderte Wandgestaltungen für Firmen an. Und setzen damit eine ziemlich alte Tradition fort.

Wenn es stimmt, was Arbeitspsychologen und Trendforscher seit Jahren behaupten, nämlich dass Arbeit und Alltagsleben zunehmend miteinander verschmelzen, dann könnte ein Blick auf die prähistorischen Höhlenmalereien unserer Vorfahren lohnen. Denn wohl niemals in der Menschheitsgeschichte waren Arbeit und Freizeit so eng miteinander verzahnt, wie im betriebsamen Paläolithikum – und selten schenkte die Menschheit der Gestaltung ihrer Wände mehr Aufmerksamkeit.

„Wir haben seitdem nichts dazugelernt“, murmelte Pablo Picasso nach einem Besuch der damals gerade entdeckten Höhlen von Lascaux in der Dordogne. Die mit Ockerfarben, bräunlichem Manganoxid und rötlichen Eisenoxiden kunstvoll verewigten gewaltigen Auerochsen und die Pferde mit ihren im Galopp offenen Mäulern, bebenden Nüstern und wehenden Mähnen hatten ihn schwer beeindruckt. Bilder wie diese gehören zu den ersten Kunstwerken der Welt und werden von Anthropologen als Ausgangspunkt der Entwicklung des Homo Sapiens zum kulturellen Wesen betrachtet. Und dessen aufwändige Wandmalereien nicht nur als Versuch, sich kreativ auszudrücken, sondern auch als ganz pragmatisches Bestreben, den täglichen  Arbeits- und Lebensraum so zu gestalten, dass er die eigene Schaffenskraft beflügelt.

Frischer Wind ins eigene Denken

Zwar mag es uns (zum Beispiel im Berufsverkehr, auf dem Fußballplatz oder auch am Buffet) nicht immer leicht fallen, die eigene Spezies als kulturelles Wesen zu begreifen.

Doch davon abgesehen können nicht nur nach Ansicht des Freiburger Arbeitspsychologen Heinz Schüpbach „bunte Farben und abwechslungsreiche Wandmotive frischen Wind ins Büro und ins eigene Denken bringen.“ Natürlich müsse man immer den individuellen Geschmack der Mitarbeiter im Blick haben, doch grundsätzlich seien Farben und gestalterische Inspirationen „auf jeden Fall zu empfehlen“, so Schüpbach.

„Unternehmen unterschätzen oft immer noch die Bedeutung des Designs“, sagt der US-Psychologe Ron Friedman, dessen Buch The Best Place to Work: The Art and Science of Creating an Extraordinary Workplace über die unbewussten Kräfte, die an unserem Arbeitsplatz wirken, auf dem besten Weg ist, zu einem modernen Klassiker der Arbeitspsychologie zu werden. Darin zeigt er unter anderem auf, welch große Rolle die Gestaltung der uns umgebenden Wände beim Arbeiten spielen. „Unsere direkte Umgebung beeinflusst unsere Art, zu denken, zu fühlen und zu arbeiten. Sie kann uns motivieren oder ermüden, den Teamgeist fördern oder uns zu Einzelkämpfern machen.“

In der Arbeitspsychologie wie auch der Verhaltensforschung gilt es als unbestritten, dass die Wandgestaltung unser Wohlbefinden und damit unsere Motivation, Kreativität und Lernkurven heben oder senken kann. 

Weiße Raufasertapetenwände, so ließe sich zusammenfassen, sind wie ein Steinpilzrisotto ohne Gewürze und Chardonnay: Eine verpasste Chance.

Wandbilder statt Handbücher

Denn Wandbilder können nicht nur die Kreativität ankurbeln, sondern auch auf spielerische, unaufdringliche Weise helfen, Informationen zu transportieren. Etwa über Strukturen des Arbeitsablaufs oder über Werte und Philosophie des Unternehmens.

Das 2003 gegründete Unternehmen Dialogbild aus Hamburg ist Europas führender Anbieter für Dialogbildmedien und spezialisiert darauf, komplexe Unternehmensthemen für die interne und externe Kommunikation zu veranschaulichen. „Wir sehen uns als kreative Unternehmensberatung“, sagt Geschäftsführer Tom Becker. „Damit Strategien gelebt werden können“, so der gelernte Illustrationsdesigner, „müssen sie zunächst einmal von jedem Mitarbeiter verstanden werden.“

Diese Inhalte könnten mithilfe von Erklärvideos, E-Learning, in begehbaren Dialogräumen oder über eine bestimmte Abläufe veranschaulichende Wandgestaltung transportiert werden. Und zwar „erheblich wirksamer, als in verstaubten Handbüchern, die im Sideboard ebenso erfolglos darauf warten, gelesen zu werden, wie Zuhause die Gebrauchsanweisung für den Wäschetrockner.“ Anders als diese könnten Bilder als Diskussionsgrundlage eingesetzt und an zentralen Orten des Unternehmens aufgehängt, installiert oder aufgemalt werden, um im Arbeitsalltag ihre Wirkung zu entfalten.

 

Einen etwas anderen Ansatz, der weniger auf Informationen, als Emotionen ausgerichtet ist, verfolgt die Firma Coastal Creative aus dem kalifornischen San Diego mit ihren Ideen für eine die „Produktivität ankurbelnde“ Wandgestaltung: In "9 Office Wall Mural Ideas To Boost Productivity" stellt die Firma hier unterschiedliche Techniken vor.

 

Inzwischen erlaubt es sich kaum ein modernes Unternehmen, sein Risotto nicht mit farbenfrohen Illustrationen oder prägnanten Leitsprüchen zu würzen wie diese Bildergalerie veranschaulicht – auch wenn sich vielleicht nicht jedes Motiv mit den Wildpferden von Lascaux messen kann.

 

Wandbilder als Teil unserer Office-Cases

Das Hamburger Unternehmen Monday Consulting setzt zum Beispiel gleich im Eingangsbereich auf farbenfrohe gelb-Akzente, um ein wohliges Willkommens-Gefühl zu suggerieren.

 

In London findet man einen besonderen Meeting-Raum der Firma Mendeley, der eindrucksvolles Comic-Design in blau-weiß zeigt und gleichzeitig beschreibbare Wände im unteren Bereich aufweist.

 

Bei Puls in München stehen die Unternehmenswerte nicht wie bei unseren Vorfahren in Stein gemeißelt, dafür aber schwarz auf weiß auf Stein geschrieben.

 

Wer könnte das New Work Erlebnis besser verkörpern, als unsere Space-Partner: Das Rent24 in Bremen setzt weiße Schriftzüge gekonnt auf schwarzem Grund in Szene.

 

Brigad aus Paris verziert die eigene Community-Lounge mit wahren Kunstgemälden, passend zum Motto "Superhelden". Sie selbst nenn sich die "Brigaders".

 

Motivationssprüche die sowohl zur Unternehmensphilosophie des Partnervermittlers Bumble, als auch zur eigenen Lebenseinstellung passen, verzieren in auffallenden Farben aber sonst schlichten Darstellungen die Büros in Texas.

 

Am anderen Ende des Erdballs, in Shanghai, ist Erfolgsunternehmer Steve Jobs für die Coworker im SOHO3Q Inspiration für Design und Arbeitsgeist.

 

Auch ZALANDO setzt in Berlin eher auf schlichtere Akzente: Unterschiedliche Zitate, von Größen wie Albert Einstein oder Walt Disney, die hier als Motivationssprüche gelten, zieren die Wände.

 

Zurück in Coastal Creative's Heimatland, den USA, hat YELP in Chicago ganz unkonventionell die Worte "sei nicht langweilig" in Großbuchstaben an die Wand gebracht. Gepaart mit dem Firmenlogo ist dies eine kluge Assoziation, die der Internet-Dienstleister für Restaurant- und Geschäftsbewertungen kreiert: Nutze YELP und du findest nie wieder ein langweiliges Restaurant.

 

In Moskau wird das Office von RD Construction ebenfalls durch eine Verschmelzung von Firmenbedeutung und Designanspruch aufgehübscht.

 

Back in California hat Slack im HQ San Francisco seine ganz eigene Version entwickelt, Ordnung ins Chaos zu bringen. Die Räume des Online-Dienstleisters für Organisationstools sind eher schlicht, die Wände dafür umso wilder.

 

Wir bleiben in San Francisco und beim Internet: Microsoft geht sogar einen Schritt weiter und ließ die Wände mechanisch gestalten. Sie ändern Motive und Farbe. Je nach Laune, können unterschiedliche Farbtöne motivierend oder aufhellend wirken.

 

Unova Coworking in Shenzen: Erkennst Du die Barhocker in diesem Bild? Sie stehen ganz unten, wo Du aber nicht bleiben wirst. Der Blick lenkt Dich auf den Schriftzug an einer anderen Stelle. Dort, wo Du im Leben hin sollst: nach oben.

 

Last but not least weiß man in im Netflix HQ in Los Gatos gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Die Deckenlampen im Netflix-Rot imitieren den Stil des Streaming-Dienstes ebenso, wie die Wandbilder im Hintergrund, die eine Filmeffekt-Interpretation zulassen.
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