Interviews
„Das Flugzeug designen, während es in der Luft ist.“

Im ersten Teil unseres Gesprächs mit Shannon Gaffney, der Mitgründerin von SkB Architects, sprechen wir über ihre Arbeit für Microsoft, ihr Verständnis von Produktivität und darüber, warum es sie langweilt, dass man mit Seattle oft sofort Kurt Cobain und Lachs in Verbindung bringt.

SkB ist ein Fullservice Architektur- und Designbüro mit Sitz in Seattle im US-Bundesstatt Washington, das sich als „Boutique für Design“ versteht. Klingt gemütlich und bescheiden. Doch SkB Architects entwickelte nicht weniger als eine komplette Designsprache für alle 779 Microsoft-Niederlassungen weltweit und insgesamt über 4.2 Millionen Quadratmeter: Den Microsoft Design Language for Place.

Shannon steigen wir mit einer großen Frage ein: Wie sieht für dich – mal abgesehen von spezifischen Anforderungen – ein idealer Arbeitsplatz aus?

Shannon Gaffney: Fangen wir mal mit den Menschen an, die dort arbeiten: Es geht darum für sie und ihre Arbeitsabläufe die bestmögliche Entsprechung zu finden. In unseren Studien und konkreten Designarbeiten hat sich gezeigt, dass sich der ideale Arbeitsplatz überhaupt nicht als Büro anfühlt. Stattdessen bietet er eine bunte Mischung aus Rückzugsmöglichkeiten und Sitzgelegenheiten. Die erfolgreichsten Workspaces sind oft eine Mischung aus gastfreundlicher Wohnraumatmosphäre und spezifischen Orten für die jeweiligen Tätigkeiten. Etwa Labore oder sterile Räume in der Forschung.

Ein zentraler Punkt eurer Arbeit ist nach eigener Aussage die Wechselwirkung zwischen Arbeitsplatzgestaltung und Produktivität. Wie passt dieser Produktivitätsgedanke zur Maxime von SkB, die sagt: „Bei uns steht der Mensch im Vordergrund“?

Shannon Gaffney: Ich denke, dass der Begriff „Produktivität“ in seiner wirtschaftstheoretischen Auslegung hier etwas missverständlich ist. So wie wir ihn verstehen, hat er jedenfalls herzlich wenig zu tun mit Produktivitätsberechnungen für Fließbänder und Fabriken. Wir verstehen uns eher als eine Art Kundschafter des menschlichen Befindens. Designer zu sein, bedeutet für uns Sozialpsychologe und Kreativstratege in einem zu sein. Und wir glauben an die Gleichung: „Mache Mitarbeiter, Gäste und Kunden glücklich und das Geschäft wird unweigerlich florieren.“

Wenn Ihr beginnt, einen Arbeitsplatz zu gestalten, gibt es da so etwas wie einen generellen, überwölbenden Ansatz?

Shannon Gaffney: Am Anfang  eines Projekts steht ein Prozess, in dem die diesbezüglichen Ziele und Visionen manifestiert werden. Für uns ist dabei wichtig die jeweilige Firma und ihre Kultur zu verstehen. Wo diese herkommt, wie sie sich gegebenenfalls verändern soll. Auch für die sozialen Dynamiken innerhalb der Gruppe der Entscheider versuchen wir ein Gespür zu entwickeln. Es geht also darum, herauszufinden, wie sich eine Firma kulturell weiterentwickeln möchte. Das ist oft schon ein faszinierender Prozess. Dabei fragen wir in der Regel nicht direkt ab, was sich der Auftraggeber konkret wünscht, denn nach unserer Erfahrung werden dann häufig bereits Lösungen entwickelt, obwohl man sich über die eigentlichen Ziele noch gar nicht voll im Klaren ist. Deshalb bevorzugen wir es oft, sehr früh Ideen zu präsentieren und mögliche Workplace-Gestaltungen zu visualisieren. Nicht, um den Weg zu einer Lösung abzukürzen, sondern um mit unserem Gegenüber in einen Dialog über gestalterische Möglichkeiten zu treten, die dieser für sich ansonsten vielleicht weder visualisieren noch verbalisieren könnte.

Sprechen wir über eure Arbeit für Microsoft. In Zusammenarbeit mit dem Konzern habt Ihr einen sogenannten „Living Guide“ für das Design weltweit aller Arbeitsplätze bei Microsoft entwickelt. Also für eine kaum vorstellbare Zahl an Offices und Quadratmetern. In welchem Zeitraum habt Ihr dieses Projekt umgesetzt?

Shannon Gaffney: Die Initiative an sich startete 2015 und dauert bis heute an. Wie Du dir vorstellen kannst liefen dabei unterschiedliche Projekte parallel, auf die wir verschiedene Designteams gleichzeitig ansetzten, um die erste Fassung des Living Guides Ende 2015 zu erstellen. Fühlte sich ein bisschen so an, als ob man ein Flugzeug während des Flugs designt.

© Microsoft

Wie sahen die 779 über die Welt verteilten Microsoft-Büros aus, als Ihr begannt? Welche Gemeinsamkeiten bestanden damals, wenn es überhaupt welche gab?

Shannon Gaffney: Die Herausforderung bestand in der Tat darin, dass es eigentlich kein konsistentes Look and Feel gab. Microsoft hatte viele Dutzend Designer und Immobilienexperten überall auf der Welt darauf angesetzt, bestehende Microsoft-Guidelines zu implementieren. Mit logischerweise höchst unterschiedlichen Ergebnissen, die nur selten dem eigentlichen Microsoft-Kontext entsprachen.

© Microsoft

Welche Merkmale kennzeichneten ein Microsoft-Office in der Regel?

Shannon Gaffney: Mal von den wichtigsten Microsoft-Standorten weltweit abgesehen, konzentrierten sich viele Designer auf die Farben des Microsoft-Logos, um das „Microsoft-Gefühl“ herzustellen. Keine gute Strategie, wenn Du mich fragst. Hinzu kam, dass damals von verschiedenen Immobilien-Leuten eine Sprache gepflegt wurde, mit der wir wenig anfangen konnten. Um zu beschreiben, wie Microsoft und andere Technik oder Social-Media-Unternehmen auszusehen hatten, benutzen sie durchgängig den Begriff „tech“. Also weiße Wände, an denen sieben topmoderne Bildschirme hingen, rote Stühle – die ganze alte Leier halt. Es war uns wichtig dieses Wort, „tech“ aus dem Diskurs über Workspaces zu entfernen, denn es hat für uns hier keine Bedeutung, jedenfalls keine gute.

Was wolltet Ihr mit dem Living-Guide für Microsoft erreichen?

Shannon Gaffney: Wir wollten damit Richtlinien erstellen, mit denen wir Prinzipien, Attribute und Qualitäten von Microsoft zum Ausdruck bringen. Und zwar sowohl visuell, als auch emotional – in Verbindung mit den Besonderheiten des jeweiligen Standorts in der Welt. Diese lokalen und kulturellen Gegebenheiten herauszukitzeln, war uns besonders wichtig. Ich sage bewusst „herauskitzeln“, denn wir wollten Leute unbedingt ermutigen, über jene oberflächliche Klischees und typische Metaphern, die einen Ort beschreiben sollen hinauszugehen, die einem zum Hals raushängen und im Grunde nichts mehr über den Ort aussagen. Also nicht schon wieder den Eiffelturm für Paris oder Lachs für Seattle zu beschreiben.

© Microsoft

Lachs für Seattle? Ich denke eher an Kurt Cobain und Tom Hanks auf einem Bootssteg und gestehe ein: Das ist auch nicht origineller.

Shannon Gaffney: Eben, das ist genauso öde. Deshalb ermutigen wir, tiefer zu graben, um ein Gefühl für einen Ort zu transportieren. Bevor wir die Designsprache für Microsoft entwickelten, gab es nichts, worauf Design-Teams zurückgreifen konnten, um die visuelle und kulturelle Identität von Microsoft auszudrücken. Unser Ziel war es, den einzelnen Standorten eine visuelle Eigenständigkeit zu geben und dafür zu sorgen, dass sie die Region, in der sie sich befinden widerspiegeln und gleichzeitig auch, dass sie auf eine ganzheitliche Weise Microsoft repräsentieren: Man soll wissen und spüren, dass man bei Microsoft ist, ohne das ikonische Logo zu sehen.

Wie kann man sich den Living-Guide konkret vorstellen? Wie präzise, detailliert und fragmentiert sind die Richtlinien aufbereitet?

Shannon Gaffney: Unser Design Language for Place beginnt sehr breit und allgemein und geht nach und nach immer tiefer, wird immer spezifischer. Er soll zu gestalterischen Lösungen inspirieren und weniger als exakte Direktive verstanden werden. Wir verzichten bewusst auf Imperative und konzentrieren uns lieber auf eine hoffentlich mitreißende Erläuterung des Warums und geben konkrete Beispiele für das Was. Die Richtlinien selbst sind dann sehr explizit und spezifisch. Konkrete Beispiele wie etwa zum Fußbodenbelag oder zur Akustik, dienen vor allem dazu, unsere Ideen zu veranschaulichen. Kennst Du die Choose-Your-Own-Adventure-Bücher für Kinder?

Ja, ich bin schließlich Vater. Kinder können an verschiedenen Punkten entscheiden, wie die Geschichte weitergeht, so dass sich die Handlungsoptionen und Möglichkeiten immer weiter verzweigen.

Shannon Gaffney: Genau. Stell dir so ein Buch vor, nur nicht für Kinder, sondern für Menschen aus der Immobilienwelt...

Ich versuche es. Vor während und nach eurer Arbeit an den Guidelines: Wie oft und wo habt Ihr verschiedene Standorte von Microsoft besucht? 

Shannon Gaffney: Ziemlich oft und regelmäßig. Wir waren nicht an allen 779 Standorten, aber zum Beispiel in London, Dublin, Sao Paulo, Costa Rica und im Sillicon Valley.

Was waren die größten Herausforderungen bei der Entwicklung und Implementierung einer weltweit kohärenten Designsprache?

Shannon Gaffney: Verschiedene Vertreter von Microsoft fanden, dass unsere Ideen zu Seattle-ish waren. Zu soft; zu leger; zu behutsam. Nicht kühn, geschliffen, funkelnd und bunt genug. Dass sie zu sehr den Puget-Sound atmeten, der weiten Meeresbucht vor Seatle. Das war insofern interessant, als dass viele unserer Vorschläge gar nicht von uns selbst in Seattle entwickelt wurden, sondern aus aller Welt stammten. Aus China, Brasilien, Australien und so weiter. Eine Erfahrung, die unser Bewusstsein dafür schärfte, wie verschiedene Orte der Welt sich selbst wahrnehmen. Diesen Aspekt behielten wir bei unserer weiteren Arbeit immer im Blick. Natürlich nahmen wir die gemachten Einwände ernst, aber wir blieben doch mehr oder weniger konsequent bei unserer Linie.

Was waren die größten kommunikativen Herausforderungen bei der Umsetzung dieses gigantischen Projekts? 

Shannon Gaffney: Wir mussten den kulturellen Spirit von Microsoft transportieren, ohne explizite Vorgaben zu machen. Und zugleich konkrete, spezifische Ideen entwickeln, die Microsoft als Ganzes repräsentieren. Eine wiederkehrende Idee, die sich aber von Projekt zu Projekt, von Standort zu Standort verändern kann. Das braucht zum einen Zeit und zum anderen eine engmaschige, intensive Kommunikation.

In einem Satz: In welcher Form drückt sich die neue Unternehmenskultur von Microsoft in der Gestaltung der Offices aus?

Shannon Gaffney: Ich meine, sie ist menschlicher geworden, sowohl im visuellen als auch taktilen Sinne. Gleichzeitig ist es ein Experiment am lebenden Köper, work in progress. 

Worin drückt sich das kohärente Design von Microsoft-Standorten in sagen wir mal Auckland, Noida, Nashville, Moscow oder London aus?

Shannon Gaffney: In kleineren räumlichen Einheiten für vielleicht acht bis zwölf Personen, ist es üblich, dass diese zum einen eine gewisse Autonomie pflegen, zum anderen gibt es einen funktionalen Ansatz, der sich sehr ähneln kann. Grundsätzlich kann ich sagen, dass es einerseits kaum noch kalte, hellweiße Büroumgebungen gibt, aber andererseits ebenso wenig kuschelig-heimelige Umgebungen. Alle Microsoft-Standorte durchzieht jetzt eine etwas ungezwungenere, legerere Haltung als zuvor.

© Microsoft

Siehst Du den Living-Guide eigentlich an als ein in Stein gemeißeltes Manifest, oder als eine Sammlung von Richtlinien und Empfehlungen, die sich wandeln und weiterentwickeln können?

Shannon Gaffney: Ganz klar als Letzteres. Er entwickelt sich. Viele Brands entwickeln sich ebenso weiter, wie sich Kulturen ja auch weiterentwickeln.

Im zweiten Teil unseres Interviews, erzählt Shannon Gaffney von ihrer Arbeit für Boston Consulting und einen Radiosender in Seattle und darüber, warum sie feste Bürozeiten für ihre Mitarbeiter und sich ablehnt.

Autor: Jonas Demel

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