Interviews
Butler des Lichts

„Die ideale Bürobeleuchtung ist eine, die sich so organisch in die Bedürfnisse seines Anwenders einfügt, dass dieser sich keine Gedanken über sie machen muss“, findet Tobias Grau. Seit Jahrzehnten ist Tobias Grau eine der klangvollsten Adressen, wenn es um innovative und ästhetisch anspruchsvolle Leuchten geht. Ein Besuch in Rellingen vor den Toren Hamburgs bei Tobias und Franziska Grau, die gemeinsam mit ihrem Mann das Unternehmen leitet.

Die Silhouette kommt jedem bekannt vor, der sich schon mal in der Süd-Ost-Achse der Hamburger City umgeschaut hat: Der weit geschwungene Berliner Bogen aus dem Haus der Architekten Bothe, Richter, Teherani ist längst zum prägenden optischen Wahrzeichen des Berliner Tors geworden. Diese Formgebung findet sich dreißig Kilometer entfernt in den  Zwillingsbögen der Firmenzentrale von Tobias Grau wieder. Geplant wurde der Bau im Jahr 1996 als das alte Gebäude der Firma Tobias Grau in Hamburg-Ottensen „aus allen Nähten zu platzen begann“, wie Franziska Grau erinnert, die gemeinsam mit ihrem Mann das Unternehmen leitet. Heute arbeiten in der Zentrale von Tobias Grau in Rellingen 110 Personen. In der großzügigen Caféteria, dem kommunikativen Nabel, ist täglich ein Frühstücksbüffet für alle angerichtet, jeden Mittwoch kann zusammen geluncht werden.

Tobias Grau Zentrale, Hamburg Rellingen

Seit Jahrzehnten ist Tobias Grau eine der klangvollsten Adressen, wenn es um innovative und ästhetisch anspruchsvolle Leuchten geht. Franziska und Tobias Grau, was macht eine gute Bürobeleuchtung aus?

Tobias Grau: Zum einen gilt es natürlich, die gesetzlich vorgeschriebenen Rahmenbedingungen zu erfüllen. So muss die Nennbeleuchtungsstärke in Tischhöhe etwa 500 Lux betragen. Grundsätzlich gilt für mich: Die Beleuchtung ist ein wichtiges Tool für die Arbeit im Büro, ein unsichtbarer Teil des Designs. Nicht mehr und nicht weniger. Die Leuchte muss aus unserer Sicht funktional sein, sich gut einfügen und nicht stören. Der Arbeitsplatz sollte gut ausgeleuchtet sein, bei größtmöglicher Blendfreiheit. Idealerweise ist die Lichtquelle selbst möglichst dunkel und die angeleuchtete Zone, der Arbeitsbereich, gut ausgeleuchtet. Wenn man nicht geblendet wird und über die Beleuchtung eigentlich gar nicht nachdenken muss und wie selbstverständlich damit arbeitet, ist schon viel erreicht. Einer unserer Bestseller  ist die Büroleuchte XT-A mit unserer patentierten OSA Entblendungstechnik.  Ich glaube, sie ist deshalb so beliebt, weil sie sich gut als natürlicher Begleiter am Arbeitsplatz eignet, der auf angenehme Weise einfach da ist. Eine Art unaufdringlicher Lichtbutler gewissermaßen.

Franziska Grau: Wir streben gewissermaßen den gegenteiligen Effekt an, der auf einer Theaterbühne gewöhnlich für den Schauspieler entsteht. Da ist seine Bühne zwar perfekt ausgeleuchtet, aber er kann oft gar nicht ins Publikum sehen, weil ihn die Scheinwerfer blenden.

Tobias Grau: Und das ist natürlich Gift für produktives Arbeiten. Deshalb sind unsere Leuchten optimal entblendet. Der Kardinalfehler, den man diesbezüglich bei der Bürogestaltung machen kann ist, Leuchten mit zu hohen Blendwerten auszuwählen. Wir setzen uns im Wettbewerb oft durch, weil unsere Leuchten die niedrigsten Candela-Werte haben, also die geringste Leuchtdichte pro Fläche am Leuchtenkopf.

Die Leuchtkraft unserer Produkte sieht man allerdings erst, wenn man einen Tisch darunter stellt.

Franziska Grau: Es ist schon vorgekommen, dass wir bei Präsentationen genau wegen dieses Qualitätsmerkmals Schwierigkeiten hatten. Wenn diese etwa auf schwarzem Teppichboden stattfanden. Die Produkte unserer Wettbewerber waren oben hell, weil sie riesige Leuchtdichten am Kopf hatten, hatten aber eine viel geringere Leuchtkraft. Unsere leuchten nur auf der vorgesehenen Fläche.

Inwieweit lassen Sie sich von Ihren gestalterischen Überzeugungen leiten und inwieweit von den spezifischen Gegebenheiten, wenn Sie Leuchtkonzepte für Bürolandschaften konzipieren?

Tobias Grau: Beide Faktoren bedingen sich gegenseitig. Zum einen geht es uns natürlich darum, dazu beizutragen, denjenigen, die unsere Leuchten und Leuchtsysteme später nutzen, zu möglichst angenehmen, gesunden, die Produktivität fördernden Arbeitsbedingungen zu verhelfen. Deshalb ist es uns natürlich wichtig, unsere grundlegenden Erkenntnisse in größtmöglicher Weise in unsere Arbeit einfließen zu lassen. Aber natürlich sind die konkreten Bedingungen vor Ort immer Grundlage unserer Planungen bei Ausschreibungen oder Aufträgen. Ansonsten würde unsere Arbeit ja im luftleeren Raum stattfinden – und das tut sie nicht. Wir passen unsere Leuchten immer wieder auch speziell an die Bedürfnisse unserer Kunden an. Vor einiger Zeit hatten wir einen Kunden, der sich für sein Großraumbüro Trennwände von Vitra ausgesucht hatte, deren Weiß einen Hauch anders war, als das unserer Leuchten. Also passten wir die Farbe für diese Lieferung entsprechend an.

Tobias Grau

 

Franziska Grau: Auch im Bereich der Lichtsteuerung und der Frage, wie sich eine Leuchte wann verhalten soll, gehen wir auf die Wünsche der Bauherren und Planer ein. Manche Anregungen greifen wir dann auch für unsere Serienproduktionen auf, und nehmen bestimmte Effekte, die uns besonders gut gefallen in unsere Steuerung mit rein.

Tobias Grau: Und es kommt natürlich auch vor, dass wir für Kunden eine ganz neue Leuchte entwickeln. Einmal wurde eine Art Zwitter zwischen Schreibtischleuchte und Stehleuchte benötigt. So eine Leuchte muss tiefer als eine gewöhnliche Stehleuchte sein, weil sich sonst so ein diffuser Straßenlaterneneffekt eingestellt hätte. Ist die Leuchte tiefer, muss sie aber auch von oben entblendet werden, sonst gucken größere Menschen voll ins Licht. Die dritte Herausforderung war: Hätte die Leuchte einen geraden Schaft gehabt, hätte sie wiederum ausgesehen wie eine Straßenlaterne. Also konzipierte ich einen schrägen Schaft, der so das Licht in die Mitte des Tisches bringt.  So eine Entwicklung ist ein monatelanger Prozess.

Franziska Grau: Andere Beispiele für unser projektbezogenes Arbeiten sind etwa die erfolgreichen Teilnahmen an den Ausschreibungen des Europarats und des Spiegel-Verlags.

Tobias Grau: Ja, beim Neubau des Spiegel-Gebäudes in der Hafen-City gab es die klare Vorgabe, den Kriterien des Gold-Standards für nachhaltiges und ökologisch verantwortliches Bauen gerecht zu werden. Für uns bedeutete dies, so wenig Strom wie möglich zu verbrauchen.  Hinzu kam, dass der Spiegel keine Deckenleuchten haben wollte, sondern nur Stehleuchten. Damals konnten konventionelle Stehleuchten allein den Arbeitsplatz noch nicht optimal ausleuchten, denn die Kopfform war für die Lichtverteilung ungünstig. Also habe ich für diese Ausschreibung eine abgependelte, längliche Leuchte entwickelt. Diese habe ich auf einen Fuß gestellt und so daraus eine Stehleuchte gemacht. Eigentlich ein supersimpler Gedanke, mit dem wir die Ausschreibung für 2.000 Arbeitsplätze gewannen.

Franziska Grau: Diese Leuchte trug die DNA für unsere heutigen Bestseller in sich. Sie war die erste Stehleuchte mit länglicher Kopfform.

Franziska Grau

Welche Zukunftstrends sehen Sie im Bereich Bürobeleuchtung?

Tobias Grau: Die Fortschritte im Bereich LED gehen in Riesenschritten voran. Die Leds sind inzwischen fast schon mikroskopisch klein und das Licht ist wunderbar skalierbar. So etwas erweitert natürlich das Spektrum der Möglichkeiten. Auch für uns war die Umstellung auf LED zunächst schwierig, weil die Lichtqualität anfangs unseren Ansprüchen nicht gerecht wurde.

Das hat sich grundlegend geändert. Gerade kam unser Vertriebsleiter rein ­– einer der schon einiges gesehen hat und seine Euphorie normalerweise gut dosieren kann –  und zeigte sich begeistert von den Eigenschaften unserer neuen Schirmleuchte „Sixteen“, die ab Herbst im Handel ist. „Ich entferne alle Glühlampenleuchten aus meiner Wohnung“, sagte er. Das neue Licht sei so viel besser als das alte Licht. Die Leuchte kombiniert mehrere LED´s miteinander, was einen ganz warmen, natürlichen Kerzeneffekt erzeugt.

Franziska Grau: Die Rotanteile leuchten länger und erzeugen den sogenannten Glühlampeneffekt, wir nennen diese Technik Warmdim. Sie ist in vielen unserer Leuchten bereits eingebaut.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff Tunable White?

Tobias Grau: Ein wichtiger Trend. Wir bieten Tunable White in einigen unserer Bürolinien an. Man hat entweder manuell oder voreingestellt und sensorgesteuert die Möglichkeit, zu wählen, ob die Leuchte ein wärmeres oder kälteres Licht spendet.

Welche Bedeutung wird der Bereich Human Centric Lighting im Bereich der Bürobeleuchtung einnehmen?

Tobias Grau: Die Entwicklung steckt noch in den Kinderschuhen und es ist noch nicht abzusehen, wo sie uns hinführen wird. Die Möglichkeiten sind aber gewaltig. Der Begriff Human Centric Lighting bedeutet zunächst einmal nur, dass  sich  die Lichtfarbe im Tagesverlauf automatisch verändert. Dieser Ansatz basiert auf Studien, die sagen, dass es für den Körper angenehmer ist, wenn das Licht zu bestimmten Tageszeiten wärmer und zu anderen kälter ist.  Die Zeit wird zeigen, in welchem Maße sich Human Centric Lighting durchsetzen wird.  Mit unseren Bürolinien XTS und XTA wäre das  möglich.

Franziska Grau: Wann gibt es indirektes Licht, was wird wann wie gesteuert? Wann schaltet es sich ab? Wenn hinten noch einer arbeitet, soll vorne das Licht schon aus sein? Mit „Connect“ haben wir ein Steuerungssystem entwickelt und patentieren lassen, das auf diese Fragen die richtigen Antworten finden soll.

Tobias Grau: Die Intelligenz der Produkte hat in den letzten Jahren unendlich stark zugenommen. Im Bereich der mitdenkenden Systeme ist wahnsinnig viel passiert. Auf Fragen der individualisierbaren Beleuchtung für verschiedene Räumlichkeiten wie Großraumbüros, Empfang, Konferenzraum oder Cafeteria werden gerade hochkomplexe Antworten entwickelt. Das Spannungsverhältnis zwischen zentraler und individueller Steuerung spielt dabei eine wichtige Rolle.

Franziska Grau, inwieweit halten die technischen Innovationen, über die wir gerade sprechen in ihren beiden Bürobögen Einzug, in denen sie zusammen mit 110 Mitarbeitern sitzen?

Wir müssen natürlich auch ein bisschen Pragmatismus walten lassen. Wir sprachen ja Eingangs über die „spezifischen Gegebenheiten“ bei unseren Kunden, nach denen wir uns richten. So ist es auch bei uns selbst. Unsere Bögen mit ihrer offenen architektur stammen aus den Jahren 1998 und 2001 und haben inzwischen also auch schon ein paar Jahre hinter sich. Es geht uns aber gar nicht darum, sofort auf Biegen und Brechen sämtliche mögliche Neuerungen zwanghaft  umzusetzen. Aber natürlich sind Elemente wie moderne Akustiktrennwände auch bei uns ein Thema. Und im Bereich Licht kommt natürlich moderne LED-Technologie zum Einsatz. Ansonsten gilt: Man kann nicht immer alles gleichzeitig machen. Änderungen nehmen wir sukzessiv und ganz unaufgeregt vor.

Kathrin Schmidtke (Tobias Grau), Jonas Demel (Office Inspiration)

Herr Grau, Sie wurden mit zahlreichen Auszeichnungen und Designpreisen geehrt. Sowohl für stimmige Beleuchtungskonzepte, als auch für formale Exzellenz. Sehen Sie sich eigentlich mehr als Designer oder als Künstler?

Tobias Grau: Eindeutig als Designer. Auch für unsere Produkte gilt der alte Grundsatz Form follows function, unsere Leuchten haben erst einmal einen ganz bestimmten Zweck zu erfüllen.  Mal bestimmen mehr emotionale, mal mehr analytische Gedanken meine Arbeit. Insbesondere beim Thema Büroleuchten geht es stark darum, gezielt Technik und Logik zusammenzuführen. Dies aber natürlich auf formal bestmögliche Weise. Die Formgebung ist unbeschreiblich wichtig, nicht nur im dekorativen Sinne, sondern auch, weil unsere Arbeiten eine ästhetische Schlüssigkeit in sich tragen sollten.

Noch eine Alltagsfrage zum Thema Beleuchtung: Mit welcher Lichtquelle lesen Sie eigentlich Abends im Bett?

Franziska Grau: Zuhause begleitet mich unsere mobile Stehlampe Parrot, die  unsere beiden ältesten Söhne entworfen haben. Sie ist leicht und handlich und kommt ohne lästige Kabel aus, denn sie hat einen integrierten Akku, der tagelang nicht aufgeladen zu werden braucht. Ich finde diese Mobilität sehr angenehm und praktisch.

Franziska und Tobias Grau, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Autor: Jonas Demel, Fotograf: Michael Schwartz

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